Die Faszination

 

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Aus dem Buch "Die obere Hälfte des Motorrads" von Bernt Spiegel (Motorbuch Verlag, ISBN 3-613-01995-7, Stuttgart 1999); mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die Faszination

Man erwarte nach dieser Überschrift in ihrer mutigen Kürze bitte nicht, dass ich tatsächlich zu sagen wüsste, was die Faszination des Motorradfahrens nun wirklich ausmacht. Handelt es sich doch um eines der kompliziertesten und am breitesten aufgefächerten Motivbündel, das ich kenne. Und weil es stets ein ganzes Bündel ist, sollte man auch keinem glauben, der vorgibt, er kenne die Ursache der Faszination. So reden die Monokausalisten, jene, die nur einen einzigen Grund, ein einziges Motiv gelten lassen wollen, am ehesten das eigene.

Wenn nicht ein ganzes Bündel von Motiven vorläge, wie sonst wäre diese Vielzahl äußerst verschiedenartiger Motorräder zu erklären? Vom Chopper bis zum Supersportier, vom Trial-Motorrad bis zum Highway-Cruiser, von der echten En-duro bis zum "Cafe Racer" und "Streetfighter", immer mit vielen Abstufungen dazwischen und mit immer wieder überraschenden Seitenzweigen. Und wie die Vielzahl der Motorradfahrergruppen mit ihren ganz verschiedenartigen und oft auch merkwürdigen Vorlieben?

Man muss sich ein solches Motivbündel richtig vorstellen: Die einzelnen Motive dieses komplexen Bündels sind vielfältig miteinander verknüpft und stehen zum Teil in einem ganz direkten und ebenso oft in einem nur äußerst losen Zusammenhang. Beim einen Motorradfahrer steht mehr das eine, beim nächsten mehr das andere Motiv im Mittelpunkt, während ein drittes für diese beiden ohne jede Bedeutung sein mag.

Um die Vielfalt, in der die Faszination wurzelt, sichtbar werden zu lassen, sind im folgenden ziemlich wahllos und ohne eine besondere Ordnungsabsicht einige Motive aufgeführt, wobei man sogleich ausprobieren kann, wieweit sie eindimensional, d.h. monokausal als einzige Ursache, tragen. Manche kann man, in dieser oder jener Form, häufig hören (was noch nichts über ihre tatsächliche Bedeutung aussagt), andere sind ausgefallener oder einfach skurril, wieder andere in der Tat beherrschend, wenn auch vielleicht nur selten genannt. Nur: Zu jedem Motiv, wenn es als das Motiv schlechthin vorgebracht wird, gibt es sofort als Einwand eine Beobachtung dagegen, denn keines ist allgemeingültig und keines würde für sich allein ausreichen.

Da ist zum Beispiel immer wieder die Rede vom Erlebnis der Stärke, ja der Machtfülle, sogar von einer vermeintlichen "Omnipotenz", die das Motorrad vermittle. Auch ein kraftvoller Sound kann durchaus damit zu tun haben. Aber: es gibt Motorradfahrer, die beruflich ungleich mehr Macht ausüben oder die beruflich unisono gleich gewaltigere Geräte als ein Motorrad dirigieren und die gleichwohl vom Motorradfahren und von ihrem Motorrad fasziniert sind.

Da gibt es den "temporären Eskapismus ", das zeitweise Heraustreten aus der verweichlichenden Über-Behütung in der modernen Gesellschaft, die Flucht aus den strengen Ordnungen des Alltags und all seinen bürgerlichen Zwängen, was dem Motorradfahrer dank Kleidung, gewisser Meinungsstereotype und selbstverständlich gewordener Gruppenrituale besonders leicht gemacht wird. Aber: es gibt eben auch Motorradfahrer, die nicht nur beim Motorradfahren, sondern immer außerhalb dieser Ordnungen und immer außerhalb dieser Zwänge leben und die dennoch der Faszination erliegen, offenbar einer anderen.

Da wird immer wieder das Gruppenerlebnis beschworen, das starke Wir-Gefühl, das umso ausgeprägter ist, je deutlicher sich eine Gruppe nach außen abgrenzt. Aber: so gerne Motorradfahrer auch in Rudeln auftreten, es finden sich eben auch Motorradfaszinierte, die ausgesprochene Einzelgänger sind.

Da gibt es ohne Zweifel ein ausgeprägtes Wettbewerbsmoment unter den Motorradfahrern, nicht nur bei den sportbetonten, auch wenn das viele Motorradfahrer für sich selbst guten Glaubens bestreiten, weil ihnen noch gar nicht aufgefallen ist, dass sie sofort schneller fahren, wenn sie auch nur in der Ferne das Rücklicht eines anderen Motorrads sehen. Aber: es gibt ebenso Fahrer, die sich von Vorausfahrenden, Überholenden oder Aufschließenden nicht im geringsten beeinflussen oder gar beeindrucken lassen und für die als passionierte Motorradfahrer trotzdem die Faszination des Motorrads nicht geringer ist.

Da gibt es, meinen wieder andere, den unübertroffenen Reiz der unglaublichen Beschleunigung, die sonst von nichts auf der Straße, nicht einmal von einem scharfen Sportwagen, erreicht wird. Aber: wieso gibt es dann Formel-1-Fahrer, die ebenfalls vom Motorrad, oft sogar von einem recht behäbigen, fasziniert sind?

Ja, da gäbe es doch das Umgebensein des ganzen Körpers vom brausenden Fahrtwind als ein wichtiges Motiv, kurz die "Luftfrottage ". Gewiss, mindestens ein Motivchen. Jedoch, ebenso wie das Motiv der Beschleunigung, zu eng gefasst und zu vordergründig, abgesehen davon, dass von einem bestimmten Tempo an der Fahrtwind gar nicht mehr so angenehm ist und im übrigen ebenso beherrschend für Segler oder Surfer und ähnliche gelten müsste. Aber: da gibt es Motorradfahrer, die mit Verkleidung, Frontscheibe, einstellbaren Spoilern usw. alles tun, um genau diese Luftfrottage zu vermeiden und die trotzdem - oder gerade deshalb - beständigen Spaß am Motorradfahren haben und besessen davon sind.

Und da gibt es schließlich die ganzen kinästhetischen Erlebnisse des Fahrens, das vielfältige Bewegungsgefühl aus Bewegen und Bewegtwerden, oft auch "Fahrdynamik" genannt. Da spielen die Lenkerausschläge, die so unsichtbar klein sind und doch so viel bewirken mit hinein und vor allem der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen der auslösenden Bewegung des Fahrers und der gänzlich andersartigen Folgebewegung, die daraus entsteht .
Das ist die
perfekte Kompensation eigener "Organminderwertigkeit" durch ein integriertes künstliches Organ, das zur "Selbstverstärkung" führt und zu der damit verbundenen Schnittstellenverschiebung - das große Thema der Verschmelzung von Motorrad und Fahrer. Aber: es gibt eben auch echte Motorradfahrer - und ich nenne sie mit Bedacht echte Motorradfahrer -, die zwar gern, aber ohne große Passion und manchmal sogar ein wenig unbeholfen fahren, und bei denen sich die Faszination und die Besessenheit und die glänzenden Augen erst in der Garage einstellen, beim Schrauben, beim Darüberstreichen, beim Planen und Besprechen weiterer Verbesserungen.

Ich könnte noch lange im großen Topf der Motive rühren und immer neue Einzelmotive herausziehen, kein Motiv bliebe unwidersprochen, obwohl alle irgendwann einmal gelten, aber eben nicht immer. Das Motiv schlechthin jedenfalls gibt es nicht, die Faszination des Motorrads und des Motorradfahrens lässt sich nur begreifen, wenn man mit der Ausgangsvorstellung eines äußerst vielfältig flimmernden Motivbündels an diese Aufgabe herangeht.

Dann versteht man auch besser, warum z.B. die Sportfahrer und die Heizer für den ruhigen Chopperfahrer - und umgekehrt! - so gar kein Verständnis aufbringen, warum sie nur ein Kopfschütteln füreinander übrig haben und sich oft genug mit einer geradezu moralischen Entrüstung begegnen. Jeder hält sein eigenes Motiv (oder sein eigenes schmales Motivbündelchen, soweit er es überhaupt überblickt) für das einzige Motiv des Motorradfahrens, mindestens für das "eigentliche", und von dem gewaltigen Paket des vieldimensionalen Motivbündels ahnt er nicht einmal etwas.

Vielleicht, so geht mir manchmal durch den Kopf, liegt die Faszination des Motorradfahrens gerade darin, dass wir so schwer erkennen können, was das Faszinierende ausmacht. Vielleicht gerade darin, dass sich die Ursachen der Faszination zu einem guten Teil im dunklen, sprachlosen Teil unserer Person verbergen.