Motorrad-Zen

 

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Motorrad-Zen

Wenn man sich fragt, was tun diese Menschen da draußen im Regen?
Wieso bei dieser Kälte?
Oder sich sagt: wozu, jetzt wo ich hier sitze mit meiner Familie und gemütlich die Landstrasse entlang rolle, Radio höre, mich mit meiner Frau unterhalte, mit den Kindern scherze, wozu um alles, brauche ich ein solches Ungetüm?
Um allein im Regen zu frieren?
Hühner und Kleinkinder zu erschrecken?

Aber, wenn Du das fragst, hast Du nichts, gar nichts verstanden.
Denn der Regen macht Dich klein und er macht Dich groß.
Klein und demütig wie einen begossenen Pudel der sich duckt und groß wenn Du ihm stundenlang trotzt. Wenn sich das Hemd unterm Kragen voll gesogen hat, und das Unterhemd, Du spürst es nicht, denn Du wärmst den Regen mit Deinem Körper, die Handschuhe sind durch, Du spürst es nicht, dass sie quietschnass sind, sie fühlen sich nur feucht an, während das Wasser bereits beginnt sich in dem Teil der Schuhe zu sammeln, der zur Strasse zeigt.
Du wirst zum Pferd auf einer Weide, zum weidenden Rind in einer endlosen Steppe aus Wasser.

Und Du fährst und sippst die Tropfen die vom Visier fallen und in Deinen Bart treiben. Und wenn Du endlich nach Stunden heimkommst, schüttelst Du Dich und überlegst, ob Du das wieder tun wirst.
Und Du wirst es wieder tun.

Denn die nassen und die kalten Tage sind nur die eine Seite der Medaille und nicht die schlechteste Seite obendrein.
Aber was Dich wirklich einfängt, hält und nicht wieder los lässt, das ist der Wind.
Der Wind, der im Bart spielt, der an der Hose zerrt, der hineinkriecht in die kleinsten Ritzen Deiner Kleidung, der Dir die Tränen in die Augenwinkel treibt, sie trocknet und kleine Salzkrusten hinterlässt.

Der Wind, der Dir tausend Gerüche zuträgt, den Bratenduft zu Mittag in den Dorfstrassen, den Duft nassen Laubs in den Wäldern, den Geruch früher Grillabende am Wochenende, die Blume frisch gefällter Bäume, den harzigen Odem der Sägewerke. Das frisch gemähte Gras, die sommertrockene südliche Landstrasse, die schwül-stickige Luft der Vorstädte, all das trägt Dir der Wind zu und witternd tauchst Du ein in die Wirklichkeit der Welt.

Der Radiohörer am Steuer seines Mittelklassewagens sieht nur einen Werbefilm, dem er sowenig Glauben schenkt, wie allen Werbefilmen, er sieht nur diesen winzigen Ausschnitt der Realität und versinkt in Gedanken, bohrt in der Nase und grübelt oder flüchtet sich in Phantasien.

Aber Dir bleibt keine Zeit Dich nach innen zu kehren.
Du nimmst unmittelbar teil und unmittelbar wahr.
Unter Dir rüttelt die Strasse den Rhythmus brandender Bodenwellen und Du hüpfst im Sattel wie ein kleines Kind und könntest schreien vor Spaß.
Du wirfst Dich in die Kurve, tauchst hinein in das Spiel der Kräfte, wirst Teil ihrer furiosen Choreographie und tanzt Deinen Part bis zum Kurvenausgang.
Bist ruhendes Auge eines Wirbelsturms und drehst Dich doch mit.

Du führst sie und drückst sie, schiebst sie mit dem Knie.
Jeder Fehler den Du machst wirkt sich unmittelbar aus. Es gibt kein Vertuschen, kein Verheimlichen, die Naturgesetze sind unbestechlich.
Du wirst zu einem Maschinentier, kraftstrotzend schwer wie ein Stier und pfeilschnell wie ein stürzender Falke. Und Deine Hufe dreschen den Boden, Deine Flügel streichelt der Wind.

Du entwickelst Ahnungen für Dinge die eintreffen.
Du handelst.

Es ist Motorrad-Zen.

 

Sgt.Zapper (: sgt.zapper@poetenpack.de)