Christian

 

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Kurvenfahren 

von Christian

 

Das Phänomen Kurvenfahren beschäftigt mich tatsächlich selbst auch.Eigentlich nur ein bißchen, dafür aber immer wieder mal. Immer wieder mal versuche ich auch, irgendwelche bekannten Kurven möglichst ideal zu durchfahren, und ich meine, kaum einem Zweiradfahrer ist dieses Bedürfnis unbekannt. Hier nun die vernünftige und sicherlich auch theoretische Begründung für ein eigentlich selbstverständliches Fahrmanöver:

Zunächst ist vielleicht der Vergleich mit anderen Fahrzeugen angebracht:

Mit dem Auto ist Kurvenfahren - vor allem bei höherer Geschwindigkeit -eher unangenehm. Störend wirkt sich da die aufrechte Sitzposition aus, aus der man durch die Fliehkraft herausgetragen wird. Bei sportlichen Wagen wird versucht, mit speziellen Seitenhalt-Sitzen dieses Rausgetriebenwerden auszugleichen. Der beim Auto noch dazukommenden Neigung zum Kurvenäußeren wird mit harten Stoßdämpfern und niedriger Bauhöhe begegnet. Im günstigsten Fall fährt man spurtreu im 90-Grad-Winkel sitzend um die Kurve. Mehr geht beim Auto nicht. Da ich selbst kein Auto besitze, kenne ich das Beschriebene nur aus der Mitfahrerperspektive. Wenn ich als Beifahrer durch einen Kreisverkehr muß, wird mir ein wenig schlecht, und ich frage mich dann manchmal, warum das Auto in unserer Gesellschaft so sehr hochgehalten wird. Sicherlich nicht wegen seines Kurvenverhaltens.

Mit dem Fahrrad ist es physikalisch gesehen wie mit dem Motorrad - dachte ich immer, stimmt aber nicht ganz. Erstens gibt es da noch die stabilisierende Drehbewegung bewegter Massen nach Art eines Brummkreisels.

Diese bewegten Massen wiegen beim Motorrad eben wesentlich schwerer als beim Fahrrad. Dort sind es nur die Räder selbst, und die machen bestenfalls ein paar Kilo aus. Bei einer kleinen 500er-Maschine dürften allein schon Räder und Reifen dreißig Kilo ausmachen, und dazu kommen dann noch die wesentlich schneller drehenden Motor- und Getriebeteile (bei der SR sind das sicherlich noch mal 20 Kilo dazu). Die durch diese drehenden Massen aufgebaute Geradeausfahr-Stabilität muß erst mal zerstört bzw. abgelenkt werden, will man durch die Kurve fahren. Ist die Kurve dann gleichmäßig und man fährt sie in Schräglage mit gleichbleibendem Tempo, dann nutzt man die beschriebene Stabilität auch in der Kurve (, oder?). Zweitens gibt es beim Motorrad die Möglichkeit, in der Kurve zu beschleunigen. Das geht zumindest bei größeren Schräglagen beim Fahrrad nicht mehr, weil man mit den Pedalen an die Straße stieße.

Immerhin kann man mit dem Fahrrad auch das Eigengewicht gegen die Fliehkraft auspendeln, sich also in dem Winkel in die Kurve legen, daß man seitlich gesehen wieder schwerelos wird (ziemlich aufgeblasen formuliert?!).

Dieses Kurvenbeschleunigen ginge zwar auch beim Auto, ist aber mit den heutigen Frontantriebkleinwagen von eben ganz anderer Art als beim Motorrad. Hinterradantrieb ermöglicht es, daß das Fahrzeug schnell übersteuert (- folgerichtig neigen die PKWs mit Vorderradantrieb zum eben so genannten "untersteuern"). D. h. für das Motorrad, daß man mit dem Gas lenkt, daß viel Gas starker Kurveneinschlag bedeutet - folgerichtig muß man beim Frontmotor-PKW mehr lenken, wenn man Gas gibt.

Noch eine weitere fahrphysikalische Aussage zum Thema "Übersteuern", die ich von einem Maschinenbauer habe: Bei dem Gasgeben in der Kurve verformt sich der Reifen. Die so entstandene schräge Auflagefläche allein läßt das Fahrzeug schon nicht mehr von sich aus geradeaus fahren.

Resultat dieses kleinen Vergleiches: Durch die Möglichkeit des Übersteuerns, die Fahrstabilität und durch die Schräglagenfreiheit, wird das Kurvenfahren mit dem Motorrad zum mühelosen Kinderspiel. Es geht wie von allein, man ist in einem Höchstmaß körperlos oder merkt zumindest die Auswirkungen der Querbeschleunigung nicht am eigenen Körper. Für das Durchfahren von Kurven ist das Motorrad - um einen (englischen) Buchtitel zu gebrauchen - das perfekte Vehikel.

Neben den rein physikalisch-technischen Aspekten hat das Kurvenfahren noch weitere Reize. Der Gefahrenaspekt ist einer davon. Das Risiko, in einer Kurve zu verunglücken, ist durchaus nicht zu

unterschätzen. In einer hiesigen Zeitungsmeldung stellte einmal im Frühjahr ein Verkehrspolizist fest, daß die ersten fünf Motorradunfälle des Jahres im Landkreis (Borken) alle selbst verschuldet und daß die Fahrer allesamt aus der Kurve getragen worden seien. Scheinbar ist es wohl doch nicht so mühelos, um eine Kurve zu fahren, wie oben behauptet.

Vielleicht kann man aus dieser Meldung ableiten, daß Kurvenfahren beim Fahrer eine Motorik voraussetzt, die letztlich in einem Lernprozeß immer wieder neu erworben werden muß. Ist man nur kurze Zeit (bei mir reicht schon eine Woche) nicht mit der Maschine gefahren, kommt einem die Beschleunigung schon auf einer SR 500 erstmal recht brutal vor. Das kann man dann natürlich nach wenigen Minuten nicht mehr sagen, und nach einer langen Fahrt schon gar nicht.

"Lieblingskurve" - diesen Begriff habe ich bei Moritz Holfelder gelesen. Das ist natürlich eine, die man öfter mal fährt, und die man deshalb auch besonders gut (= schnell und flüssig) fahren kann. Ich persönlich bevorzuge langgestreckte, einsehbare 90-Grad-Kurven auf Vorfahrtstraßen, in denen man ab Kurvenmitte noch mal beschleunigen kann.

Eine Zickzackkurvenkombination (rechts-links-rechts) habe ich zwar auch vor der Haustür, aber die durchfahre ich stets mit "Fehlern", und ich mag auch den schnellen Lastwechsel nicht so gerne - schließlich bin ich ja auch schon 37 Jahre alt, und da darf man sich gemütlich geben. Nicht schön ist es, wenn man in seiner Lieblingskurve überholt wird, aber das passiert selten.

Auch wieder abgeschrieben ist das Stichwort Mensch-Maschine-Einheit. Dazu ist meine These, daß man diese "Einheit" am stärksten hat, wenn man durch die Kurve fährt. In keiner anderen Fahrsituation vergesse ich mehr, daß das Gerät unter mir aus einer Vielzahl von Bauteilen besteht, die jetzt gerade so und so arbeiten. Den Luxus, den man sich beispielsweise auf der Autobahn leistet, über Motor und Fahrwerk zu sinnieren, während man aufmerksam dem Klappern der Ventile lauscht - den kann man sich in der Kurve nicht leisten.