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Geschichten aus Binnen

Die Bogensäge

Der Zebrastreifen   

Dirk und Dieter

Binnen ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Es liegt im Kreis Nienburg, zwischen Hannover und Bremen. 

Hier eine Ansichtkarte aus den 60er Jahren:

Oben links: Mein Elternhaus mit Kneipe und Dorfladen, davor unser "Leporello" (Oller Opel von hinten gelesen) von 1958.

Unten links: Blick in die Wesermarsch                             Rechts: Die Dorfkirche

 

Diese Geschichten sind im Prinzip wahr. Im Prinzip? Na ja, mir hat man sie irgendwann einmal erzählt, und ich weiß nicht, wie viel  vorher schon dazugesponnen wurde. Damit sie besser lesbar werden, habe ich denn auch noch etwas dazu fabuliert. Auch die Namen müssen nicht stimmen...

Die Bogensäge

1967 wurde bei Hattendorf groß umgebaut, und viele Leute packten mit an. So auch Fritz, der wusste, dass Gerhard von handwerklichen Dingen nicht viel Ahnung hatte.
"He, Gerhard, kannst Du mal eben zum Schmied fahren und mir eine Bogensäge besorgen?", fragte er. So ziemlich alle außer Gerhard wussten, dass es so eine Bogensäge gar nicht gibt, und grinsten in sich hinein.
Gerhard setzte sich in seinen Opel und fuhr zum Schmied.
"Hallo Heini, der Fritz braucht eine Bogensäge. Hast Du eine da?"
"Eine Bogensäge? Ha, ha, so etwas gibt es gar nicht! Der Fritz wollte dich wohl auf die Schippe nehmen!"
"Das ist ja interessant! Na ja; wollen wir doch mal sehen, wer hier wen auf den Arm nimmt!"
Gerhard setzte sich wieder ins Auto, fuhr aber nicht etwa nach Hause, sondern zur Kneipe nach Bühren. Dort bestellte er sich erst mal ein Bier. Als er das getrunken hatte, rief er zu Hause an und ließ sich Fritz ans Telefon holen.
"Hallo Fritz, der Schmied hatte keine Bogensäge. Ich bin jetzt in Nienburg bei Cordes, aber die haben auch keine. Ich fahre jetzt nach Hannover und versuche es dort".
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf. "Werner, schenk noch einen ein! Bis ich aus Hannover zurück bin, das dauert...."

 

Der Zebrastreifen

Dieter hatte mal wieder reichlich Überstunden gekloppt und hielt auf dem Nachhauseweg in Bühren an der Kneipe an, um sich eben schnell ein Bierchen zu gönnen. Zu Hause wartete ja schon das Abendessen.
Als er den Schankraum betrat, sah er seinen Kumpel Heinz an der Theke sitzen. Kaum hatte Heinz ihn erblickt, da bestellte er auch schon zwei Bier...
So etwa fünf Stunden später angelte ein reichlich angeschlagener Heinz nach seiner Brieftasche und lallte: "Werner, mach ma' Rechnung!"
Dieter sah seinen Freund besorgt an und blinzelte, weil er zwischendurch auch mal zwei Heinz' sah.
"Du musst ja noch über die große Straße, Mensch, das ist viel zu gefährlich! Ich komm mal mit raus!"
Die beiden wankten zusammen hinaus, und Dieter steuerte zielstrebig den Kofferraum seines DKWs an.
Darin lag jede Menge Malerwerkzeug herum.
Dieter griff sich eine große Rolle und einen Eimer mit weißer Farbe und marschierte zum Straßenrand. Er kniete sich hin und tauchte die Rolle in die Farbe.
Was ein richtiger Handwerker ist, der kann auch nach dem soundsovielten Bier noch ordentlich arbeiten, und schon wenige Minuten später konnte man einen völlig echt wirkenden Zebrastreifen bewundern. Während der ganzen Zeit war nicht ein einziges Auto gekommen, denn in den sechziger Jahren gab es nachts auf solchen Straßen praktisch keinen Verkehr...
Heinz wankte jedenfalls sicher nach Hause - natürlich neben dem Zebrastreifen, die Farbe war ja noch nicht trocken!

 

Dirk und Dieter

Ich hatte einmal wieder Dienst in der Dorfkneipe meiner Eltern. Lust hatte ich wie immer keine, aber es war ja auch nicht allzuviel los.

Unter anderem saßen auch Dirk und Dieter an der Theke. Dirk war Rentner, so etwa siebzig Jahre alt. Er war schon den ganzen Nachmittag da – wie fast jeden Nachmittag - , und er war auch schon – wie fast jeden Nachmittag- sturzbetrunken.

Dieter – ungefähr vierzig Jahre jünger – war gerade erst von der Arbeit gekommen. Wahrscheinlich hatte er mal wieder irgendwo Zebrastreifen gemalt.

In der Dorfkneipe trinkt niemand allein – man gibt sich gegenseitig einen aus.

Dieter war an der Reihe, doch anstelle eines Bieres bestellte er zwei Sangrita.

Sangrita war damals ziemlich in Mode, ein scharf gewürzter Tomatensaft, der in den gleichen 2cl-Gläsern ausgeschenkt wurde, die für Kognak, Stonsdorfer und solche Sachen üblich waren.

Wer es heftiger mochte, bekam einen Schuss Tabasco hinzu, eine unglaublich scharfe Pfeffersauce.

Als ich die Sangritas einschenkte, ging Dirk zur Toilette. Dieter beugte sich grinsend über die Theke und sagte: "Los, hau ihm da ordentlich Tabasco 'rein!"

Ich holte die kleine rote Flasche aus dem Schrank und schüttelte eine ordentliche Portion in den Sangrita.

Mehr, so dachte ich, wäre auf keinen Fall zumutbar.

Dieter hatte mir zugeschaut, war aber nicht zufrieden. "Och Mensch, gib mal her!" Mit diesen Worten entriß er mir den Tabasco und begann selber, "nachzuwürzen".

Meine Augen wurden immer größer, er verfünffachte die Menge, die ich als Maximum betrachtet hatte!

Als Dirk zurück kam, saß Dieter wieder mit Unschuldsmiene auf seinem Thekenhocker. Er nahm sein Sangritaglas und prostete Dirk zu.

Der kippte die Mischung, wie es sich für einen alten Korntrinker gehört, mit einem Zug in sich hinein.

Dieter und ich warteten gespannt auf die Show, die jetzt folgen sollte. Große Augen, nach Luft schnappen, aufspringen, nach Wasser schreien - irgend so etwas musste jetzt ja kommen.

Auf Dirks Gesicht machte sich ein nachdenklicher Ausdruck breit. Er begann, eigentümlich zu grinsen.

"Deibel, deibel!" (Teufel, Teufel), sagte er leise. Dann nahm er einen Schluck Bier.

Das war die ganze Reaktion! Einen richtig harten Kerl kann so etwas halt nicht erschüttern.

Die beiden saßen noch eine Weile nebeneinander. Nach dem nächsten Bier sagte Dieter: "Ich habe Hunger! Los, wir gehen nach nebenan und kaufen uns was zu essen!"

Direkt neben der Kneipe war der Dorfladen, den meinen Eltern ebenfalls betrieben. Allerdings hieß er nicht Dorfladen, sondern "Kaufhaus Hattendorf". Er war zwar ein bisschen kleiner als Karstadt, das Sortiment war aber genauso breit gestreut.

Dieter und Dirk erstanden jeder ein Rauchende, in Pergamentpapier eingewickelt. "Die stecke ich erst Mal weg", meinte Dieter und stopfte die Wurst in seine Gesäßtasche. "Jo, ich auch", antwortete Dirk und machte es genauso.

Die beiden gingen wieder in die Kneipe und schwangen sich auf die Tresenhocker. Nach dem nächsten Bier griff Dieter an Dirks Kehrseite und zog ihm vorsichtig die Wurst aus der Hosentasche. Dirk, sowieso nicht besonders helle und auch nicht gerade nüchterner geworden, merkte nichts.

"Komm, lass uns meine Wurst teilen!", sagte Dieter und schnitt Dirks Wurst durch. Gemeinsam verspeisten sie das Rauchende.

"So, und jetzt deine!", meinte Dieter, als sie fertig waren.

Dirk, der ja glaubte, er hätte Dieters Wurst gegessen, griff an seine Hosentasche - die Wurst war weg. Er kletterte vom Hocker und kroch vor der Theke herum, um das verschwundene Rauchende zu suchen, während Dieter sich krampfhaft die Hand vor den Mund hielt, um nicht loszubrüllen.

Doch dann sah Dirk auf und erspähte Dieters Rauchende, dass aus der Tasche ragte. Selbst seinem benebelten Verstand wurde klar, was da passiert war. Wütend griff er sich sein Bierglas und verzog sich an einen Tisch in der hintersten Ecke der Kneipe.

Allerdings hatte er immer noch Hunger. Eigentlich stand ihm ja noch eine halbe Wurst zu, aber mit Dieter wollte er nicht mehr reden. Also bestellte er sich bei mir einen Rollmops und verspeiste ihn.

Ich ging zu seinem Tisch, um abzuräumen. Stirnrunzelnd blickte ich auf seinen Teller.

"Dirk, wo hast du denn die Hölzchen gelassen?" Die Rollmöpse wurden damals mit zwei dünnen, brettartigen Holzstiften zusammengehalten.

"Wat, da war Holz drin? Darum ging das so schwer zu kauen!" Er hatte doch tatsächlich die Hölzer mitgegessen!

Aber auch das konnte ihn nicht sehr beeindrucken.

"Nu, giv' us noch eenen, un' dann wütt wi nach Hus!"