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Kurvenfahren

»Wenn du einmal den Weg verlässt, kommst du nie mehr zurück.«

- Schild an einer roten Honda Hawk in San Francisco

Kurvenfahren ist die Essenz des Motorradfahrens, daran kann es keinen Zweifel geben. Kein Modell, kein Motor, kein Designertrend, keine Motorradfahrermode ist für das Erlebnis und die Bedeutung des Motorradfahrens so entscheidend wie das Kurvenfahren.

Da die Räder bei hoher Geschwindigkeit infolge der Kreiselkräfte geradeaus rollen wollen, muss der Fahrer seine Maschine um die Kurve zwingen. Je schneller er fährt, desto eher muss er sich und sein Motorrad in die Kurve legen, und umso stärker muss er den Lenker zu Beginn in die entgegengesetzte Richtung drücken. Diese seltsame Kombination aus dem Hineinlehnen in die Kurve und dem Gegensteuern macht die Kunst des Kurvenfahrens aus. Die Koordination dieser beiden entgegengesetzten Bewegungen mag merkwürdig anmuten, doch sie macht den wechselnden Rhythmus des Motorradfahrens aus.

Wenn sich der Körper in die Kurve legt, werden Fahrer und Fahrt eins. Selbst wenn die Knie nicht den Boden streifen, erlaubt der Neigungswinkel dem Fahrer, seine Hände in den Rausch der Fahrt »einzutauchen«. Das Kurvenfahren enthüllt die wahre Dynamik des Motorrads: Wenn sich das Rad in die Kurve neigt, werden die physikalischen Gesetze spürbar, die dem Motorradfahren seinen Zauber verleihen. Scheinbar der Schwerkraft trotzend, legt der Motorradfahrer im Beschleunigen sein Fahrzeug schief. Je schiefer die Lage des Fahrzeugs, desto höher muss seine Geschwindigkeit sein. Das Ziel besteht technisch gesprochen darin, zentripetale und zentrifugale Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn das gelingt, kommt ein unbeschreibliches Hochgefühl auf.

Obwohl die Situation angespannt ist, muss der Fahrer in einer Kurve stets ausatmen. Nichts darf zurückgehalten werden. Das kleinste Zögern kann das heikle Gleichgewicht der Kräfte zerstören, das erforderlich ist, um das Rad durch eine Kurve zu senken und zu heben. Während Autofahrer lernen, in der Kurve das Tempo zu verringern, hat der Motorradfahrer keine andere Wahl als zu beschleunigen. Die erhöhte Geschwindigkeit katapultiert den Fahrer an unbekannte Orte.

Die Begleiterscheinungen des Kurvenfahrens sind oft kompliziert. Wenn der Fahrer eine gewundene Bergstraße entlang fährt, muss er in jeder Kurve Gas geben und kann nur dann gleichmäßig schnell fahren, wenn die Straße gerade verläuft. Der umgekehrte Kreislauf von Geschwindigkeit und Langsamkeit muss bei jeder Kurve wiederholt werden. Wenn das Motorrad in eine Autobahnauffahrt abbiegt, beschleunigt es langsam und schrittweise, während die Spur immer schmaler wird. Anders als man vermuten könnte, bedeutet Geschwindigkeit Stabilität, wenn auch nur auf kurze Zeit.

Beim Kurvenfahren kommen alle Paradoxa des Motorradfahrens ins Spiel. Wenn die Gegensätze nicht aufeinanderprallen, sondern im Gleichgewicht gehalten werden, ist die Gefahr vorübergehend gebannt. In diesem Augenblick hat der Motorradfahrer den erhabenen Charakter eines Fußgängers. Aber dieser Augenblick vergeht so schnell wie er kommt und muss immer wieder neu geschaffen werden. Wer das Spiel des Motorradfahrens gut beherrscht, fährt nicht nur, um zu leben, er lebt auch, um zu fahren.